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Plötzlich Unternehmerin: Jahresbeste Meisterabsolventin kommt aus Essen

Jessica Schaumburg, Maler und Lackierermeisterin aus Essen, traf mit 27 eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat.

Jessica Schaumburg, Unternehmerin und jahresbeste Maler- und Lackierermeisterin, hat gerade keine Zeit, Zukunftspläne zu schmieden. Die stressige Phase geht für sie nach der Prüfung weiter: „Erstmal muss ich jetzt alles auffangen, was über den Zeitraum der letzten Monate auf Grund der Meisterprüfung liegen geblieben oder zu kurz gekommen ist.“ 

Gefragt nach Herausforderungen auf ihrem beruflichen Weg, die sie besonders wachsen ließen, meint sie scherzhaft: „Für die ganzen Herausforderungen würde die Seite nicht reichen …“ Denn trotz erfolgreich gemeisterter Weiterbildung lief es bei Jessica Schaumburg alles ein bisschen anders: „Ich habe bis vor fünf Jahren noch nie einen Pinsel in der Hand gehabt“, sagt die Essenerin trocken. Sie machte 2013 Abitur, studierte anschließend Business Psychology und International Business und arbeitete in einem Großkonzern. Ihr Vater hatte einen Malerbetrieb – doch gab es bei ihr weder das Interesse noch jemals die Intention, ins Handwerk zu gehen.

Als ihr Vater 2020 plötzlich starb und der Verkauf der Firma anstand, entschied die damals 27-Jährige „2 Tage vor Notartermin“, das Ganze selbst zu versuchen. Und zieht aus dieser mutigen Entscheidung ihre wichtigste berufliche Lektion: „Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem man sich zu hundert Prozent bereit fühlt. Entwicklung passiert, wenn man den Mut hat, den nächsten Schritt trotzdem zu gehen.“ Die erste Konsequenz – und logische Schlussfolgerung nach der Firmenübernahme – war dann die Ausbildung zur Malerin und Lackiererin, die sie im eigenen Betrieb absolvierte und 2022 abschloss. 

Auch der nächste Entschluss, die Meisterfortbildung direkt im Anschluss an die Gesellenprüfung zu beginnen, zeugt von bemerkenswerter Energie und klaren Zielen. Hatte sie schon die handwerkliche Ausbildung für unerlässlich gehalten, obwohl sie im Unternehmen „lediglich für den kaufmännischen Part“ zuständig sei, lautete nun die Motivation „Unabhängigkeit in der Führung meines Betriebs“. Die Zeit habe sie als wahnsinnig fordernd, aber auch lehrreich empfunden, so Schaumburg. Rückblickend hätte sie die Meisterschule lieber in Vollzeit absolviert – was in ihrem Fall aber nun einmal keine Option gewesen sei.

Das Meisterprüfungsprojekt bestand in einem Konzept für ein Architekturbüro. Gefordert war die Umsetzung mit einem „Hauptfarbton“. Obwohl Jessica Schaumburg Kabine und Konzept für „prinzipiell gut durchdacht“ hielt, habe sie eigentlich „keine richtige Erklärung“ für ihr gutes Abschneiden. Höchstens, dass es ihr verhältnismäßig leichtfiel, im Fachgespräch zu überzeugen. Ihre Stärke verortet sie ganz klar in der Kommunikation. Was ihr am meisten liege? „Alles, was nicht mit praktischem Arbeiten zu tun hat“, lautet die Antwort. Daran dürften allerdings Zweifel angebracht sein, denn bereits die Ausbildung beendete sie als Jahrgangsbeste!

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Weit mehr als handwerkliches Geschick

Dass Jessica Schaumburg sich – über ihr eigenes Gewerk hinaus – mit dem Handwerk identifiziert, hört man spätestens heraus, wenn sie davon spricht, was man dafür mitbringen muss. Nämlich „weit mehr als handwerkliches Geschick – auf jeden Fall Leidenschaft für den Beruf.“ Und am besten dazu noch Verantwortungsbewusstsein und Lernbereitschaft: „Ohne ein gesundes Maß an Teamfähigkeit und sozialen Kompetenzen funktioniert in keinerlei handwerklichem Gewerk etwas.“

Sie wünsche sich, so die frisch gebackene Meisterin, dass das Handwerk wieder den Stellenwert bekommt, den es verdient. „Wir gestalten Lebensräume, erhalten Werte und schaffen Qualität, die sichtbar und spürbar ist. Dafür braucht es gesellschaftliche Anerkennung, verlässliche Rahmenbedingungen und vor allem mehr junge Menschen, die sich bewusst für diesen Weg entscheiden. Das Handwerk hat nur dann Zukunft, wenn wir selbst in die nächste Generation investieren.“

Nicht jeder hat wie sie den Mut, ins kalte Wasser zu springen und einen radikalen Kurswechsel zu wagen. Was rät sie jungen Menschen, die noch unentschlossen sind? – So viele unterschiedliche Praktika wie möglich machen, um vorher herauszufinden, welcher Beruf ihnen liegt! Und möglichst auch langfristig Freude machen wird. Ein bisschen Pragmatismus ist dabei auch nicht verkehrt. Schaumburg: „Kein Job macht 24/7 Spaß, und es gibt immer Arbeiten, die man mehr oder weniger gerne ausführen wird …“ Das ändere sich auch nicht, wenn man das Berufsfeld wechselt.

Sie selbst ist in vieler Hinsicht ein Vorbild. Ihr Beispiel zeigt, dass man sich verändern und etwas probieren kann, auch wenn man noch nicht ganz genau weiß, wo der Weg hingeht. Und dass unkonventionelle Entscheidungen manchmal zu überraschendem Erfolg führen. Zeitweise war Jessica Schaumburg Unternehmerin und Auszubildende in einer Person. Und leitet heute als Geschäftsführerin das 1948 gegründete Familienunternehmen in der 3. Generation. Dass ihr Meisterbrief unter denen ihres Großvaters und Vaters hängt und der Name des Betriebs weiterlebt, erfüllt sie mit Stolz. Mehr noch – auch ihre Bereitschaft zum Engagement in der Berufsgemeinschaft trifft bereits auf erste greifbare Anerkennung: die couragierte Seiten-einsteigerin ist nicht nur neu in den Vorstand der Maler-Innung gewählt worden, sondern gleich auch zur Stellvertretenden Obermeisterin.

Zum Schluss verrät sie dann doch, was sie für ihren Betrieb im Auge hat: „Schön wäre es, wenn ich mehr Zeit in Details der Firma stecken könnte.“ Aber das gebe das Pensum derzeit leider (noch) nicht her. Sie sei schon happy, wenn sie es mittags schaffe, mit dem Hund eine halbe Stunde spazieren zu gehen, anstatt am Schreibtisch zu sitzen.

„Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem man sich zu hundert Prozent bereit fühlt. Entwicklung passiert, wenn man den Mut hat, den nächsten Schritt trotzdem zu gehen.“

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